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Heilung ist nicht dasselbe wie Überleben

Was nach der Krebstherapie beginnt und warum darüber so selten gesprochen wird

 


Ich verliere auf den Kanälen der Alster die Orientierung. Auf meinem eigenen Gewässer. Vier Jahre lang bin ich diese Strecke nicht mehr gefahren. Vor der Brustkrebsdiagnose war ich ständig hier draußen: Stand-up-Paddling, Personal Training, Bewegung, Leistung. Mein Körper war etwas, auf das ich mich verlassen konnte. Heute sitze ich auf dem Board und merke plötzlich, dass selbst diese vertraute Route Kraft kostet. Gegenwind. Erschöpfung. Dieser abrupte Energieverlust, der manchmal so unangekündigt kommt wie ein kompletter Stromausfall.


Vor zwei Monaten wurde mir auf dem Wasser zum ersten Mal wirklich klar: Ich kehre nicht in mein altes Leben zurück.

2025 hätte eigentlich mein Comeback-Jahr werden sollen. Die Therapie war abgeschlossen, und ich wollte mich langsam wieder aufbauen — körperlich, beruflich, emotional. Ich hatte Pläne. Sehr viele Pläne. Stattdessen begann mein Körper an ganz anderen Stellen auseinanderzufallen: Knochen, Gelenke, Bandscheibe, Zähne, Magen-Darm-System, Hormone. Haut.

Über die hormonellen Folgen spricht übrigens kaum jemand so, dass man wirklich versteht, was sie bedeuten. Natürlich erlebt jede Frau hormonelle Veränderungen. Aber normalerweise liegen zwischen Mitte vierzig und der Postmenopause einige Jahre. Mein Körper musste diesen Übergang innerhalb kürzester Zeit bewältigen.

Innerhalb weniger Monate hatte mein Körper hormonell einen Zustand erreicht, für den normalerweise Jahrzehnte vergehen. Ich hatte plötzlich den Hormonstatus einer 75-Jährigen und gleichzeitig noch immer den Ehrgeiz meines alten Ichs. Eine denkbar schlechte Kombination. Brain Fog. Vergesslichkeit. Keine Belastbarkeit mehr. Konzentration wie ein überforderter Browser mit vierzig geöffneten Tabs. Mein Nervensystem fühlte sich an, als wären sämtliche Sicherungen gleichzeitig herausgeflogen.

Nach außen galt ich längst als geheilt. Innerlich versuchte mein Körper überhaupt erst zu begreifen, in welchem Zustand er noch existiert.

Das Merkwürdige daran: Viele Menschen sehen diese Realität gar nicht. Sie sehen neue Haare, vielleicht eine andere Frisur oder Haarfarbe. Aber sie sehen nicht die Frau, die nach einem normalen Geburtstag zwei Tage lang emotional komplett erschöpft ist.

Es gibt Momente, in denen Menschen mich auf der Straße ansehen und man förmlich beobachten kann, wie ihr Gehirn versucht, mein Gesicht einer Erinnerung zuzuordnen. Menschen, die mich eigentlich gut kennen. Und manchmal denke ich kurz darüber nach, einfach hinzugehen und zu sagen: „Hi. Ich bin Mieke.“


Danach folgt fast immer dieselbe Unterhaltung: neue Haare, Brustkrebs, auf und ab, langsam wird es besser. Irgendwann kam ich mir vor wie eine Schallplatte mit Sprung. Diese Sätze waren nicht falsch. Trotzdem bleibt die eigentliche Wahrheit sozial kaum noch erzählbar.


Manchmal höre ich mich selbst reden und merke sofort: Das ist wieder die Version meiner Geschichte, die für andere leichter auszuhalten ist. Dabei geht es nicht um Unehrlichkeit, doch echte Tiefe verlangt einfach unglaublich viel Energie.


Oberflächliches Mitgefühl kann erstaunlich entlastend sein. Es verlangt nicht, wirklich hinzusehen. Die Welt liebt Comeback-Geschichten. Mit den langwierigen Folgen einer schweren Krankheit tut sie sich deutlich schwerer.

Früher war ich selbst Teil dieses Denkens. Personal Trainerin. Leistungsorientiert. Optimierungsbereit. Ich war die personifizierte Version von Disziplin, Energie und ewiger Jugend und durchaus stolz darauf, dass viele mich mit Mitte vierzig jünger geschätzt haben.


Dass sich in meinem Leben vieles längst nicht mehr gesund entwickelt hatte, wollte ich dagegen möglichst lange nicht sehen. Nach außen funktionierte alles noch. Innerlich stand längst alles auf Alarm.


Wahrscheinlich ignorieren viele Frauen diese Warnzeichen viel zu lange.

Heute glaube ich rückblickend, dass ich Beziehungen oft mit Sicherheit verwechselt habe. Dass ich überzeugt war, mich nur genug anstrengen zu müssen, um liebenswert zu sein und meine Partner mitzunehmen. Vermutlich kennen das viele Frauen. Vor allem diejenigen, die früh gelernt haben, bloß keine Last zu sein.


Während der Therapie war alles klar: überleben.

Danach wurde es komplizierter. Die Themen, die ich zwischen Arztgesprächen und Chemotherapie irgendwo geparkt hatte, kamen zurück. Alte Muster. Alte Verletzungen. Diese permanente Übersteuerung, mit der ich jahrelang durchs Leben gegangen bin.


Und gleichzeitig die Erkenntnis, dass manche Dinge sich nicht rückgängig machen lassen. Es gibt Verluste, für die niemand Kondolenzkarten schickt.

Meine letzte Regelblutung hatte ich nach der ersten Chemotherapie. Fast so, als hätte mein Körper sich den denkbar dramatischsten Zeitpunkt ausgesucht, um endgültig klarzumachen, dass dieses Kapitel vorbei ist. Zwischen Tumorkonferenzen, Hormonwerten und Therapieplänen verschwand irgendwann auch die Vorstellung, einmal Mutter zu werden. Still. Ohne großes Drama. Und trotzdem endgültig.

Natürlich war da auch Wut. Darüber, wie viel Organisation plötzlich bei den Menschen landet, die eigentlich längst erschöpft sind. Therapie hier. Nervensystem dort. Ernährung separat. Hormone woanders. Dazu private Coachings, Infusionen, Therapieeinheiten und ständig die Frage, wie man all das organisatorisch und finanziell überhaupt zusammenhalten soll.


An schlechten Tagen sah mein Schlafzimmer aus, als wäre dort ein Koffer explodiert. Ich ignorierte Nachrichten. Menschen warteten auf Antworten. Mein Körper flirrte permanent. Entscheidungen fühlten sich an wie schwere Möbelstücke, die ich allein bewegen musste.

Und irgendwo zwischen ungewaschener Wäsche, offenen To-do-Listen und dem Gefühl, ständig irgendwo hinterherzurennen, dachte ich plötzlich: Vielleicht kann ich gar nicht gleichzeitig heilen und trotzdem noch die Welt erobern.


Vieles von dem, was mir tatsächlich geholfen hat, musste ich selbst organisieren, koordinieren und bezahlen, obwohl mir oft schon die Energie für einen normalen Alltag ausging. Was mir fehlte, war nicht noch ein weiterer Optimierungsansatz. Ich brauchte einen Ort, an dem Körper, Nervensystem und Alltag nicht wie getrennte Projekte behandelt werden.

Zum ersten Mal gespürt habe ich das bei der Pink Style Tour 2023. Ich hatte eine Glatze und stand plötzlich in einem Raum voller Frauen, die sofort verstanden, wovon ich spreche, ohne dass ich irgendetwas erklären musste. Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, normal wirken zu müssen. Ich war einfach nicht mehr allein.


Darin zeigt sich für mich die eigentliche Kraft von Gemeinschaft. In Räumen, in denen Menschen nicht sofort Lösungen liefern müssen. Sondern erst einmal da sind. Zuhören. Mittragen. Verstehen.

Am Ende meiner Antikörper-Therapie 2024 lernte ich über meine langjährige Freundin Mareile auch Julia kennen, die Gründerin des Healing House. Mareile, mit der ich viele Jahre eng beim stern Magazin gearbeitet hatte, zog mich damals statt in eine klassische Reha auf ihr Yoga Retreat nach Kreta. Dort machte sie Julia und mich kurzerhand zu Zimmerpartnerinnen.


Diese Reise war wahrscheinlich das erste Mal seit Langem, dass sich mein Leben nicht nur um Symptome, Termine und Organisation gedreht hat. Und plötzlich habe ich gemerkt, wie viel Energie allein dieses permanente Koordinieren eigentlich frisst.

Manchmal muss der Alarm einfach kurz aufhören.


Denn ich war irgendwann schlicht müde davon, mir Stabilität und Gesundheit wie ein Puzzle aus Einzelteilen zusammensuchen zu müssen.

Vielleicht ist nicht alles verloren, nur weil mein Leben langsamer geworden ist und vieles, was guttun würde, plötzlich zum Luxus geworden ist.

Wahrscheinlich werde ich nie wieder die Frau von früher. Aber vielleicht ist Lebendigkeit auch gar nicht dasselbe wie Leistungsfähigkeit.

Heute fahre ich manchmal früh morgens mit dem Board auf die Alster hinaus, wenn die Stadt noch schläft. Das Wasser ist glatt. Zwischen den Schilfkanten schwimmen Jungtiere durchs Licht, als gäbe es keinen Ort, an den sie dringend müssten.

 

RISE & RECOVER — wie aus einer Begegnung auf Kreta ein Retreat entstand


Auf Kreta teilten Julia und ich uns zufällig ein Zimmer. Zwei Frauen, die beide auf unterschiedliche Weise verstanden hatten, wie erschöpfend Heilung werden kann, wenn Betroffene sich nach der Therapie alles selbst zusammensuchen müssen: Wissen, Unterstützung, Nervensystemregulation, Ernährung, Gemeinschaft, Orientierung.


Zwischen langen Gesprächen, Yoga, Meerblick und einem seltenen Gefühl von Verbundenheit entstand irgendwann ein Gedanke: Warum gibt es so wenige Orte, die all das wirklich zusammenbringen?


Aus diesem Verständnis heraus entstand im Schulterschluss mit Mareile als systemischer Coach und Retreat Host RISE & RECOVER ein kleines, holistisches Retreat auf Kreta für Frauen mit und nach Brustkrebs. Ein hochwertiger Rahmen mit psychoonkologischer Begleitung, sanftem Yoga, Breathwork und achtsamer Bewegung mit Tina Scheid, plant-based Food, Workshops, Austausch und Zeit für Regeneration. Trauma-informiert. Nervensystemsensibel. In kleinen Gruppen mit maximal zwölf Teilnehmerinnen.Das Retreat findet vom 20.–27. September 2026 im Süden Kretas statt, in privaten Villen nahe Matala mit Meerblick und Rückzugsorten inmitten der Natur. Die Preise beginnen ab 1.599 Euro im Doppelzimmer bzw. 1.699 Euro im Einzelzimmer. Zusätzliche Coachings und Anwendungen können optional vor Ort gebucht werden.


RISE & RECOVER entstand aus der Erfahrung, dass Heilung leichter wird, wenn Menschen sich nicht mehr allein durch sie hindurch organisieren müssen.

 

The Vibe Note:


Dieser Ort ist wirklich wundervoll - und wie alles was Euch im Healing House empfohlen wird, it comes from the bottom of my heart. Mareile ist eine zauberhafte Gastgeberin, sehr erfahren, sehr empatisch sehr verbunden. Die Möglichkeit als Betroffene einen Ort zu finden, der unterstützend und im Rückzug begleitet und seelisch ein wenig Erleichterung verspüren lässt ist schlicht wunder-wunderschön.


Ein Late Bird Platz für den September ist noch zu buchen. Und Ihr spart jetzt 25% auf den Preis.


Alle Infos zum Retreat findest Du hier.


Deine Hosts sind Mieke Tasch, Coach und Gastgeberin Mareile Braun, Psychoonkologin Tina Scheid und die Pink Style Tour.


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