„Heile dich. Der Imperativ der Hypernarzissten.“
- Julia von Loessl

- 5. Aug.
- 5 Min. Lesezeit

Zwischen Hypernarzissten und Solidarität
Es gibt Überschriften, über die liest man weg und hat sie fünf Minuten später wieder vergessen. Und dann gibt es Überschriften, die etwas auslösen. Klar, sollen sie ja auch. Klickbaiting. Bin ja nicht doof.
Häufig bleiben sie nicht deshalb hängen, weil sie besonders klug sind (was schade ist). Häufig bewirken sie etwas in uns - vor allem aber: sie erzählen etwas über uns als Gesellschaft.
„Heile dich. Der Imperativ der Hypernarzissten.“, so titelte die WELT kürzlich einen Artikel. Mal kurz sacken lassen. Nein, ich will keine Rezension zu diesem Artikel schreiben - ich bleibe einfach bei der Überschrift. Was sie in mir ausgelöst hat?
Sie hat mich traurig gemacht.
Ich möchte nicht jede Form der Selbstoptimierung verteidigen und ich halte wenig von dem Versprechen, Gesundheit ließe sich mit genügend Disziplin, Eisbädern und Nahrungsergänzungsmitteln kontrollieren. Das Leben ist komplizierter, das wissen wir alle. Gähn. Was mich aber beschäftigt, ist die Frage: Warum schauen wir inzwischen so oft mit Herablassung auf Menschen, die sich mit ihrer Gesundheit beschäftigen? Schwarz, weiß and nothing in between.
Warum ist Neugier auf den eigenen Körper so schnell verdächtig? Oder warum wird aus der Suche nach Gesundheit so oft eine Karikatur? Bisweilen sogar eine Fratze? Natürlich hat Herabwürdigung, Bewertung einen inflationären Zugang in unsere Gesellschaft gefunden - aber ich möchte hier in diesem spezifischen Kontext bleiben.
Während wir darüber diskutieren, ob Gesundheitsbewusstsein bereits Narzissmus ist, gerät unser Gesundheitssystem zunehmend unter Druck. Wir werden älter, chronische Erkrankungen nehmen zu. Die Medizin kann heute Dinge leisten, die vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wären, sie kostet aber auch entsprechend mehr.
Im ersten Quartal 2026 wurden nach Angaben einer Kassenärztlichen Vereinigung ärztliche Leistungen im Wert von 69 Millionen Euro erbracht, die nicht vergütet wurden. Das ist kein neues Phänomen. Budgetierungen und gedeckelte Honorare begleiten die ambulante Versorgung seit Jahren. Neu ist, wie deutlich sich die wirtschaftlichen Spannungen inzwischen bemerkbar machen.
Einige Kassenärztliche Vereinigungen warnen ihre Mitglieder vor finanzieller Unsicherheit. Erste Praxen sprechen offen darüber, ihren Anteil privatversicherter Patientinnen und Patienten erhöhen zu müssen. Logischer Weise nicht aus Überzeugung, sondern weil sie wirtschaftlich überleben wollen. So gesehen auf einem Schild in einer Praxis und natürlich auch bei diversen Medicals, die sich digital erklären.
Man muss kein Gesundheitsexperte sein, um zu ahnen, wohin diese Entwicklung führen könnte.
Je größer der wirtschaftliche Druck auf Praxen wird, desto größer wird die Gefahr, dass sich die Versorgung weiter auseinanderentwickelt. Wer heute schon denkt, wir leben in einer zwei Klassen Medizin, kann sich die Entwicklung der nächsten Monate ansehen.
Wir sprechen ununterbrochen darüber, wie wir Krankheit finanzieren.
Erstaunlich selten sprechen wir darüber, wie Gesundheit entsteht (außerhalb unserer Bubble). Was für ein lächerliches, albernes Thema - ohne gesellschaftliche Relevanz, über das, lächelnd vor Freude ob der gelungenen Headline, man sich erheben sollte. Ironie off.
Dabei wissen wir heute so viel wie nie zuvor. Wir wissen, dass Bewegung einen Unterschied macht. Dass guter Schlaf nichts ist, was man kaufen kann. Ja, natürlich, dass Rauchen und Alkohol das Risiko zahlreicher Erkrankungen erhöht, oder dass chronischer Stress unseren Körper verändert. Wir wissen wie sich Trauma und transgenerationales Erbe in unserem Körper manifestieren kann. Dass Ernährung, soziale Beziehungen und psychische Gesundheit weit mehr sind als Lifestyle-Themen.
Menschen werden krank. Durch genetische Veranlagungen, Umweltfaktoren - auch trotz eines gesunden Lebensstils. Aber ebenso naiv wäre es, so zu tun, als spiele unser Verhalten überhaupt keine Rolle. Spätenstens seit der wundervollen Dr. Hannah Heikenwälder hören wir, dass die Frage nicht ist, warum wir krank trotz eines gesunden Lifestyles sind, sondern wieviel früher wir wohl ohne ihn erkrankt wären. Ein absoluter Shift in der Betrachtung.
Wissen macht niemanden automatisch gesund.
Doch fehlendes Wissen nimmt Menschen die Chance, informierte Entscheidungen zu treffen.
Vielleicht brauchen wir deshalb eine neue Form der Aufklärung. Oder waren wir in den letzten Jahrzehnten möglicherweise in der Gesundheitsbildung zu nachlässig? Politisch und individuell? Haben uns andere Länder in ihrem Grundwissen über gesunde Gewohnheiten sowohl im Bezug auf Körper, Geist und Seele längst abehängt? Oder warum haben wir das teuerste Gesundheitssystem der Welt und trotzdem schlechte Werte in der Sterblickeit?
Gesundheitsbildung ist kein Biohacking oder Optimierungsprogramm.
Es ist die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse zu verstehen und den eigenen Körper ein Stück besser einordnen zu können. Und genau hier wird die Debatte für uns unbequem.
Je stärker unser Gesundheitssystem unter finanziellen Druck gerät, desto häufiger werden in Zukunft Fragen gestellt werden, die vor wenigen Jahren noch als Tabu galten.
Sollten gesundheitsbewusst lebende Menschen stärker belohnt werden?
Reichen Bonusprogramme der Krankenkassen aus?
Brauchen wir irgendwann individuelle Gesundheitsbewertungen oder Health Scores?
Und wo verläuft die Grenze zwischen Prävention und Diskriminierung?
Ich kenne auf diese Fragen keine einfachen Antworten.
Aber ich weiß, welche Frage ich für die falsche halte.
Nämlich die, ob Menschen, die sich intensiv(er) (wer definiert das eigentlich) mit ihrer Gesundheit beschäftigen, Hypernarzissten seien. Denn die Frage übersieht, wer diese Menschen sind. Und sie entwertet.
Es sind nicht nur die Biohacker oder Menschen mit Smartwatch und Eisbad die in derlei Artikeln oder Besprechungen (man erinnere sich an den Podcast Lanz und Precht zum Thema) immer aus Mottenkiste der Argumentation geholt werden.
Es sind vielleicht diejenigen, die seit Jahren unter chronischer Erschöpfung leiden. Die Frau mit einer Autoimmunerkrankung, der Mann mit einer Depression oder die Patientin nach einer Krebsdiagnose oder einfach jemand, der seit Monaten von Arzt zu Arzt geht und trotzdem das Gefühl hat, mit seinen Fragen allein zu sein.
Ach, es geht in dem Artikel ja nur um Mentale Gesundheit? Klar, lass es uns völlig isoliert betrachten. Als Gegenentwurf zur ganzheitlichen Medizin. Als Gegenentwurf zu Körper, Geist und Seele.
Was passiert, wenn genau diese Menschen eine Überschrift lesen, die ihre Suche nach Gesundheit lächerlich macht?
Was passiert mit jemandem, der ohnehin Hemmungen hat, über seine psychische Gesundheit zu sprechen?
Mit jemandem, der sich schämt?
Mit jemandem, der verzweifelt versucht, wieder einen Zugang zu seinem eigenen Körper zu finden?
Vielleicht zieht er sich noch weiter zurück.
Vielleicht spricht er noch weniger darüber.
Vielleicht sucht er Hilfe dort, wo er sich verstanden fühlt – weil er sie im regulären System nicht oder nicht rechtzeitig gefunden hat.
Nicht jede Suche nach Gesundheit ist Selbstoptimierung - auch wenn der Dialog dazu durchaus spannend ist.
Aber möglicher Weise sollten wir vorsichtiger werden mit unseren Urteilen.
Schade, dass wir andere Perspektiven zunehmend nicht mehr differenziert erläutern, sondern uns verächtlich machen müssen. Herabwürdigung als Tool. Cool.
Wir werden in den kommenden Jahren über die Finanzierung unseres Gesundheitssystems sprechen müssen.
Über Eigenverantwortung. Solidarität. Und Prävention.
Über die Frage, wie viel Gesundheitskompetenz eine Gesellschaft braucht, deren medizinische Möglichkeiten immer größer und gleichzeitig immer teurer werden.
Diese Debatten sind notwendig. Aber sie verdienen etwas, das in den Schlagzeilen unserer Zeit oft verloren geht:
Respekt.
Vor wissenschaftlichen Erkenntnissen und vor unterschiedlichen Lebensrealitäten.
Ich glaube zutiefst daran, dass eine gesündere Gesellschaft mit einem liebevolleren Blick aufeinander beginnt. Vielleicht müssen wir diese Momente als Impulse nehmen, mit guten Beispiel voran zu gehen.
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