When art meet Medicine
- The Healing House

- vor 3 Tagen
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Was Kunstgeschichte uns über Krankheiten verrät und was Kunst mit Gesundheit zu tun hat.

Heute morgen habe ich mit der fantastischen Dr. Viyan Sido einen Podcast anlässlich ihres neuen Buchs aufgenommen. Und wie immer schweifte ich in der Vorbereitung etwas ab.
In meinen Gedanken ging es um Herzgesundheit und ich kam über Hormone zu Autoimmunerkrankungen und irgendwann landete ich bei Epstein-Barr und der bizarren Frage, wie lange es diesen Virus schon gibt. Steht er in Verbindung zu Schilddrüsenerkrankungen? Und wie alt sind wohl bestimmte Autoimmunerkrankungen? Sind sie erst jetzt entstanden oder gab es sie lange vor unserer Zeit – nur ohne bennenbare Diagnose?
Ich erinnerte mich an die Uffizien, die ich im Sommer besuchen durfte und an die Glupschäugigen, die dort auch hingen und landete bei der Frage:
Was uns Kunst und Kunstgeschichte über Krankheiten erzählt und warum Kunst selbst ein Teil unserer Gesundheit ist.
Könnten nun also die auffällig großen Augen einer Frau auf einem Renaissance-Gemälde ein Hinweis auf Morbus Basedow sein? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Aber hinter dieser zunächst etwas verwegenen Idee verbirgt sich ein erstaunlich ernsthaftes Forschungsfeld wie ich herausfand.
Ärzte, Medizinhistoriker und Kunsthistoriker untersuchen seit Jahrzehnten Gemälde, Skulpturen und andere historische Darstellungen auf körperliche Merkmale, die wir heute möglicherweise als Symptome einer Erkrankung erkennen würden. Das Stichwort lautet Iconodiagnosis und ist der Versuch, Krankheiten und körperliche Besonderheiten anhand historischer Bildquellen zu identifizieren. Crazy, oder? Plötzlich wird aus einem Museumsbesuch eine medizinische Spurensuche.
Can they diagnose a painting?
Forscher haben in historischen Kunstwerken nach erstaunlich vielen körperlichen Auffälligkeiten gesucht: vergrößerten Schilddrüsen, hervortretenden Augen, Hautveränderungen, Gelenkdeformationen, neurologischen Auffälligkeiten, Brustveränderungen oder möglichen Merkmalen genetischer Erkrankungen. Besonders interessant ist die Schilddrüse.
Auf zahlreichen historischen Darstellungen finden sich Menschen mit auffällig ausgeprägten Halsregionen. Was zunächst wie eine Eigenheit des Modells oder eine ästhetische Entscheidung des Künstlers aussehen kann, könnte in manchen Fällen tatsächlich eine Struma darstellen, uns eher bekannt als Kropf.
Historisch wäre das durchaus plausibel.
Vor der flächendeckenden Jodversorgung war Jodmangel in vielen Teilen Europas verbreitet, insbesondere in alpinen Regionen. Vergrößerte Schilddrüsen gehörten entsprechend sehr viel stärker zum sichtbaren Alltag als heute.
Was wir heute mit TSH, Antikörpern, Ultraschall und gegebenenfalls einer Feinnadelbiopsie untersuchen würden, konnte damals lediglich äußerlich gesehen werden. Und manchmal vielleicht gemalt.
Auch auffällig hervortretende Augen haben medizinisches Interesse geweckt. Heute kennen wir sie als mögliches Symptom bei Morbus Basedow. In meinem Sprachgebrauch Glupschaugen.
Heißt das, dass eine Frau mit großen Augen auf einem Gemälde aus dem 16. Jahrhundert Morbus Basedow hatte?
Natürlich nicht unbedingt. Aber es bedeutet, dass wir körperliche Merkmale in historischen Darstellungen heute mit einem medizinischen Wissen betrachten können, das den Menschen damals schlicht nicht zur Verfügung stand und dass Wissenschaftler dieser Frage nachgehen.
Besonders ergiebig für medizinische Spurensucher sind Hände.
Auf historischen Gemälden wurden Veränderungen beschrieben, die heute beispielsweise an rheumatoide Arthritis, Arthrose oder Gicht denken lassen könnten.
Auch Hautveränderungen wurden untersucht. Ebenso sichtbare Veränderungen der Brust, bei denen Mediziner retrospektiv sogar mögliche Tumorerkrankungen diskutiert haben.
Andere Untersuchungen beschäftigen sich mit möglichen Hinweisen auf neurologische Erkrankungen, Fazialisparesen, Strabismus, Akromegalie oder genetische Syndrome, also zum Beispiel Gesichtslähmungen, Schielen, auffällig vergrößerten Gesichtszügen, Händen oder Füßen.
Wie spannend wäre es mit einem Medical durch ein Museum zu gehen.
Doc, what do you see? Aber genau an diesem Punkt muss man natürlich vorsichtig werden. Ein Gemälde ist keine Krankenakte. Künstler idealisierten ihre Modelle, überzeichneten, folgten den Schönheitsidealen ihrer Zeit. Sie veränderten Proportionen oder entwickelten ihre ganz eigene Formensprache.
Ein ungewöhnlich langer Hals kann eine Struma sein. Oder eben Parmigianino. Ein blasses Gesicht kann auf eine Erkrankung hinweisen oder auf die ästhetischen Vorstellungen einer Epoche. Große Augen können ein körperliches Merkmal sein oder die Art, wie ein Künstler Augen malte.
Deshalb würde seriöse Iconodiagnostik niemals diagnostizieren. Aber sie kann herausfinden, ob das, was wir sehen, mit einer heute bekannten Erkrankung vereinbar ist.
Besonders interessant wird es dort, wo weitere historische Quellen hinzukommen: mehrere Porträts derselben Person über verschiedene Lebensphasen, Briefe, Tagebücher, medizinische Aufzeichnungen oder Beschreibungen körperlicher Beschwerden.
Dann wird aus der Betrachtung eines Gemäldes plötzlich historische medizinische Detektivarbeit.
Wann zum Beispiel begann eine Krankheit eigentlich zu existieren?
Hashimoto wurde erst 1912 beschrieben. Morbus Basedow erhielt seine medizinische Beschreibung im 19. Jahrhundert. Unser Wissen über Hormone, Autoantikörper und das Immunsystem kam sehr viel später. Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Erkrankungen vorher nicht existierten. Menschen lebten einfach mit Symptomen, für die es noch keine Diagnose gab, so wie wir vielleicht auch.
Vielleicht beschrieben sie ihre Müdigkeit, ihre Schmerzen oder körperlichen Veränderungen, ohne sie erklären zu können. Wurden möglicherweise als Konstitution, Alter, Schicksal oder persönliche Eigenart verstanden und einige dieser Veränderungen wurden vielleicht auf Leinwänden festgehalten.
But what if art talks to the Body, too?
Und dann kann man die Frage einmal umdrehen.
Wenn Kunst uns etwas über die Geschichte unserer Körper erzählen kann, was macht dann Kunst mit uns? Vielleicht brauchen wir keinen besseren Grund, ins Museum zu gehen, als diesen:
Kunst tut uns gut.
Und das ist inzwischen mehr als ein schönes Gefühl.
Die WHO wertete bereits 2019 für einen großen Bericht mehr als 3.000 Studien zum Zusammenhang zwischen Kunst und Gesundheit aus. Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass aktive wie auch rezeptive Beschäftigung mit Kunst mit psychischem Wohlbefinden, Stressregulation, sozialer Verbundenheit und verschiedenen gesundheitlichen Faktoren zusammenhängen kann. Dabei müssen wir nicht mal selbst aktiv werden, malen, tanzen oder Klavier spielen.
Auch das Betrachten von Kunst, Museumsbesuche, Konzerte oder Theater können etwas mit uns machen. Wir verlassen unsere alltäglichen Gedanken- und Aufmerksamkeitsmuster. Wir begegnen etwas, das wir nicht ausgesucht haben, weil ein Algorithmus bereits weiß, dass es uns gefallen wird. Wir bleiben stehen, einfach so. Schauen möglicherweise genauer hin, empfinden Schönheit, Irritation, Neugier, Abneigung, Erinnerung, Überraschung. Oder vielleicht auch etwas, für das wir noch gar keine Worte haben.
The Benefit of Awe
Besonders spannend ist dabei ein Gefühl, das in der psychologischen Forschung als Awe bezeichnet wird.
Staunen.
Ich liebe dieses Wort und dieses Gefühl.
Dieses kurze Erleben von etwas, das größer ist als wir selbst und unsere gewohnten Kategorien sprengt.
Ein Gemälde kann es auslösen, Architektur, Musik, Natur. Oder für einige von uns präsent - ein Blick über das Meer oder in den Himmel.
Für einen Moment verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit und ganz kurz steigen wir aus aus dem eigenen Gedankenkarussell.
Natürlich suchen viele von uns ein Awe in ihrem Display. Ein Gänsehautsong, ein bewegender Mitschnitt aus einem Podcast, oder mächtige Aufnahmen aus der Natur, denn der Algorithmus weiß ja was Dir gefällt. Aber vielleicht dürfen wir unserer persönlichen Health Routine gelegentlich etwas sehr viel Einfacheres hinzufügen:
GO SEE SOME ART.
Gesundheit entsteht möglicherweise auch daraus, was wir sehen, fühlen, denken, lernen und erleben. Aus reiner Neugier, aus Faszination, Begegnungen und / oder Inspiration. Das schöne an Kunst ist, man kann sie gemeinsam genießen, aber auch ganz wunderbar alleine.
Consider this your cultural supplement.
Und weil jetzt der Herbst kommt, haben wir schon einmal angefangen.
The Autumn Art List
Im Artikel "The Autumn Art List" findet Ihr die wichtigsten Ausstellungen, für die wir diesen Herbst freiwillig das Haus verlassen sollten und die Euch vielleicht begeistern.
Eine Auswahl aus Hamburg, Düsseldorf, Potsdam, Essen, Bonn, Brüssel, London, Paris, Antwerpen, Brüssel und Basel. Für September, Oktober, November und Dezember 2026. Ein paar sehr gute Gründe, spontan einen klitzekleinen City Trip einzuplanen, oder?
Nicht alles, was uns guttut, lässt sich in Milligramm messen, tracken oder braucht einen Health Claim.
This autumn: take your vitamins. Get some sleep. Move your body. And go see some art.
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